Alkoholsüchtige Mitarbeiter und solche mit missbräuchlichem oder zumindest überdurchschnittlichem Trinkverhalten weisen eine Reihe von Merkmalen und Verhaltensweisen auf, die auf ein ernsthaftes Problem schließen lassen. Und auch wenn dem Vorgesetzten bei aller Fürsorgepflicht gewöhnlich die Zeit für intensivere Beobachtungen fehlt, soll ihm die folgende Listung möglicher Symptome doch helfen, sich zu sensibilisieren für derartige Auffälligkeiten.
Dies gilt selbstverständlich auch für die Kollegen und Kolleginnen, wobei deren Schwierigkeit mit dem Betroffenen weniger in der Ent- bzw. Aufdeckung seines abnormalen Verhaltens liegt, als vielmehr in einer ausgeprägten Co-Abhängigkeit (Verharmlosung, Tolerierung, Vertuschung), verbunden mit der Angst, in die Rolle des "Denunzianten" schlüpfen zu müssen - doch dazu mehr an anderer Stelle.
Gebrauch von Atemreiniger
Morgendstund hat für den starken Trinker erst dann wieder Gold im Mund, wenn er den schalen Geschmack in demselben mit einem kräftigen Schluck beseitigt und gleichzeitig die nächtliche Senkung des Alkoholspiegels wieder ausgeglichen hat. Die geruchsmäßige Nebenwirkung neutralisiert er mit einer (meist etwas zu) großzügigen Dosis Menthol oder Pfefferminze, sofern er den Tag nicht mit kaum wahrnehmbaren Wodka begonnen hat.
Trinken vor der Arbeit
Um des lieben Friedens willen oder weil sie irgendwann eingesehen haben, dass sie ihre abnormen Trinkgewohnheiten am heimischen Frühstückstisch wohl doch nicht verbergen könnten, verzichten manche Alkoholiker schweren Herzens vorerst auf den Morgentrunk und machen sich stattdessen früher als nötig auf den Weg zur Arbeit. Dort genießen sie dann in aller Ruhe die bei so viel Diensteifer wohlverdiente - jetzt dringend benötigte - Belohnung (dass ihnen ihre Geschäftigkeit von der Ehefrau und vom Vorgesetzten abgenommen und honoriert wird, steht für sie völlig außer Zweifel).
Zittern und Schwitzen
Zittern der Hände und Schweißausbrüche - begleitet oft von erhöhtem Kaffeekonsum - deuten entweder auf Entzug hin, etwa wenn die oben beschriebene Tagesvorbereitung des Betroffenen aus irgendwelchen Gründen gescheitert ist, oder sind eine Folge des Verbrennungsprozesses beim Alkoholabbau nach durchzechter Nacht.
Trinken während der Arbeit
Trinken während der Arbeitszeit ist immer und in jeder Branche (auch in den sog. "Risikoberufen") ein untrügliches Zeichen für ein gestörtes Verhältnis zum Alkoholkonsum - nicht umsonst gilt bezüglich des Arbeitsplatzes das Postulat der Punktnüchternheit ebenso wie für die Schwangerschaft, den Straßenverkehr oder den Sport.
Man sollte sich in diesem Zusammenhang außerdem immer vor Augen halten, dass es dem Betroffenen ab einer bestimmten Gewöhnung schlichtweg nicht mehr möglich ist, acht bis neun Stunden ganz auf Alkohol zu verzichten - die vermeintlich plausible Beteuerung, in der Arbeit nicht trinken zu müssen, weil man dazu ja schließlich den Feierabend habe, ist solcherart mit einiger Skepsis zu genießen.
Heimliches Trinken
Auch wenn im Betrieb das Thema Alkohol "liberaler" gehandhabt wird: Der Betroffene selbst weiß in den meisten Fällen sehr wohl, dass Trinken unter der Arbeit "irgendwie nicht passt", und so wird er sich vor dem Schluck aus der Pulle vergewissern, dass man ihn nicht beobachtet. Offen umherstehende Flaschen vermeidet er tunlichst, eine eigenartige Mischung aus Schuldgefühl, Scham und Ordnungsliebe lässt ihn das Corpus delicti jedesmal wieder sorgfältig verstauen.
Schnelles Trinken
Mit steigender Toleranz wird dem Betroffenen das stetige Hin und Her mit der Zeit zu lästig, zumal auch die Gefahr, überrascht zu werden, ständig steigt. Er beginnt, hastiger und in größeren Schlücken - quasi auf Vorrat - zu trinken, alternativ liegt der Umstieg auf länger anhaltenden sprich härteren "Stoff" nahe.
Anlegen von Verstecken
Nicht zuletzt wegen der zunehmenden Schwierigkeit, am und im unmittelbaren Umfeld des Arbeitzplatzes Stauraum für das Leergut zu finden bzw. es unauffällig zu entsorgen, weicht der Betroffene mitunter auf externe Depots aus, wobei er erstaunlichen Einfallsreichtum entwickelt (der WC-Spülkasten oder der leere Aktenordner gehören schon eher zu den "Klassikern").
Das Anlegen von Verstecken resultiert im Übrigen auch aus dem Prinzip der Griffnähe, der panischen Angst des Alkoholkranken, in eine Situation zu geraten, in der er vom Nachschub abgeschnitten ist.
Nutzung der Kantine
Alkoholfreie Kantinen sind dem Betroffenen eine wahre Greuel, denn auch wenn er die Mittagspause "ohne" überstehen könnte, bleibt doch im Hintergrund immer die Furcht vor eventuellen Entzugssymptomen.
Wird andererseits in der Kantine Alkohol angeboten, nimmt er zwar am gemeinsamen Mittagstisch teil, isst aber wenig, lustlos oder sehr hastig und gönnt sich möglichst noch ein zweites Bier (ein Klarer zur besseren Verdauung des "üppigen" Mahls tut es zur Not auch).
Trunkenheit
Wie bei jeder anderen Gelegenheit kann es auch am Arbeitsplatz zum "echten" Rausch mit entsprechenden Folgen kommen, vor allem in einem fortgeschrittenen Missbrauchs- bzw. Abhängigkeitsstadium, wenn der Betroffene durch die dann wieder abnehmende Toleranz immer weniger Alkohol verträgt.
Die Ausfallerscheinungen reichen von undeutlicher Aussprache und fahrigen Bewegungen über Black outs bis hin zu Schwächeanfällen, Übelkeit/Erbrechen, epileptischen Attacken oder deliranten Zuständen (Verfolgungswahn, Halluzinationen etc.).
Kurzzeitiges Entfernen vom Arbeitsplatz
Wie bereits erwähnt, legt der Betroffene gerne Verstecke für eine reibungslose Alkoholversorgung an, wobei er vorrangig solche Orte wählt, die er im üblichen Arbeitsablauf ohnehin von Zeit zu Zeit aufsucht (Lager, Archiv etc.) oder die auf dem Weg dorthin liegen. Um sich dieser Depots zu bedienen, entfernt er sich immer wieder kurz von seinem Arbeitsplatz.
Diese "Auszeiten" nutzt er darüber hinaus auch, um sich von dem subjektiv als hoch empfundenen Stress zu erholen.
Verlegen von Gegenständen
Der mit fortschreitender Dauer des Alkoholmissbrauchs zunehmende Gedächtnisverlust führt dazu, dass man den Betroffenen öfters bei der Suche nach diversen Gegenständen (Werkzeug, Unterlagen etc.) beobachten kann.
Auch "wenn das Haus" bekannterweise "nichts verliert", kann das Liegenlassen von Gegenständen (z.B. Reparaturwerkzeug in einer Maschine) insbesondere im Produktionsprozess schwerwiegende Schäden verursachen. Außerdem neigt der Betroffene dazu, nicht wieder auffindbare Dinge aus dem Bestand der Kollegen zu ersetzen.
Nervosität
Aus Angst, dass Kollegen und/oder Vorgesetzten auf seine Alkoholprobleme aufmerksam werden, lebt der Betroffene in einem permanenten Spannungszustand. Vor allem wenn er sich beobachtet fühlt, reagiert er nervös, versucht krampfhaft, konzentriertes Arbeit vorzutäuschen oder verlässt spontan den Arbeitsplatz.
Kontaktvermeidung
Die Wahrscheinlichkeit, als Trinker enttarnt zu werden, wächst - sei es wegen einer "Fahne", grundlosen Schwitzens oder Zittrigkeit - mit der Intensität des Kontakts zu den Mitarbeitern. Deshalb geht der Betroffene den Kollegen nach Möglichkeit aus dem Weg und meidet besonders längere Zwiegespräche mit ihnen.
Wird er vom Vorgesetzten zu sich gebeten, gerät er wegen der unvermeidbaren Gefahrensituation kurzzeitig in Panik, um sich dann für entsprechende "Vorbereitungen" vom Arbeitsplatz zu entfernen.
Mangelhafte Arbeitsleistung
Abgesehen davon, dass der Betroffene einen Großteil seiner Arbeitszeit damit verbringt, zu trinken oder ans Trinken zu denken, lässt seine Arbeitsleistung auch qualitativ merklich nach.
Die Ursachen hierfür liegen in der allgemein schlechten körperlichen und psychischen Verfassung (bedingt auch durch wachsende Probleme im privaten Bereich), in Vergesslichkeit und Unkonzentriertheit sowie in einer deutlich reduzierten Stressbewältigungsfähigkeit. Versuche des Betroffenen, Leistungsdefizite durch erhöhte Arbeitsgeschwindigkeit auszugleich, schlagen im Allgemeinen fehl oder machen das Ganze infolge Verkrampfung nur noch schlimmer.
Fernbleiben vom Arbeitsplatz
Angesichts der bislang geschilderten Unbilden, mit denen der Betroffene tagtäglich - unter enormem Energieeinsatz - am Arbeitsplatz zu kämpfen hat, der unausweichlichen Folgen vermehrter abendlicher Trinkgelage sowie der Tatsache, dass Alkoholmissbrauch ursächlich andere Krankheiten bedingt oder zumindest fördert, verwundert es nicht, wenn es nicht lange bei "Kater"-Verspätungen oder gelegentlichen "blauen Montagen" bleibt.
Die Fehltage häufen sich, die Dauer der Absenzen wird länger und ihre Begründung - mit Unterstützung manch allzu kulanter Hausärzte - immer fadenscheiniger. Auch dass die Entschuldigung des Arbeitnehmers immer öfter von der (co-abhängigen) Ehefrau oder Partnerin übernommen wird, sollte dem Vorgesetzten zu denken geben.
Niedergeschlagenheit
Seine depressive Grundstimmung, die sich in einer Art stiller Trauer, aber auch in deutlicher Niedergeschlagenheit artikuliert, kann der Betroffene im Betrieb kaum noch verbergen. Er wirkt lethargisch, verschlossen, und man hat (berechtigterweise!) häufig das Gefühl, als wolle er etwas Wichtiges mitteilen, ist dazu aber nicht in der Lage.
Misstrauen
Getrieben von den eigenen Schuldgefühlen begegnet der Betroffene den Kollegen und Vorgesetzten mit Argwohn und Misstrauen. Hinter noch so belanglosen Bemerkungen seine Person betreffend wittert er sofort Mobbing und Verrat, den Versuch, ihn bloßzustellen und auszugrenzen.
Von tatsächlichen kritischen Äußerungen etwa bezüglich seiner Arbeitsleistung fühlt er sich massiv angegriffen, er zieht sich entweder noch mehr zurück oder reagiert unwirsch und bisweilen - im Kollegenkreis - aggressiv.
Bagatellisierung Selbsttäuschung, Verniedlichung und ständige Verneinung gehören zu den primären Symptomen des Alkoholismus. Wird der Betroffene in Bezug auf seinen Leistungsabfall zur Rede gestellt und kann er sich der Kritik nicht mehr entziehen, versucht er dementsprechend, die Vorwürfe zurückzuweisen oder sein Nachlassen unter Vorschieben vorübergehender privater Gründe zumindest zu bagatellisieren.
Besonders sensibel reagiert er, wenn (meist "durch die Blume") die verminderte Arbeitsleistung oder Defizite im Sozialverhalten mit seinem Trinkverhalten in Verbindung gebracht werden: Wieder greift er im festen Vertrauen auf seine Überzeugungskraft tief in die Phantasienkiste, erfindet die kühnsten Begründungen, schreckt dabei auch vor intimsten "Offenbarungen" nicht zurück.
Und wenn dann alles nichts mehr hilft, zögert er nicht, seinen eigenen Alkoholkonsum durch Vergleich mit dem anderer (Kollegen) - den "wirklichen Alkoholikern" - zu verharmlosen.
"Geselligkeit"
Eine willkommene Gelegenheit, sich zu öffnen und sein in seinen Augen durchaus intaktes Sozialverhalten unter Beweis zu stellen, bietet sich dem Betroffenen bei Feierlichkeiten im Unternehmen. Hier gilt das Trinken als unverfänglich, ist das eine Glas Alkohol geradezu Pflicht, fällt das andere nicht auf - hier ist er in seinem Element. Entsprechend weidlich nutzt er die Situation aus: Einmal "aufgetaut" wird er zum einfühlsamen Kollegen, zum geselligen, patenten Kumpel, zum geistreichen Unterhalter. Selbst über sein eigentliches Tabu-Thema Nr. 1, den Alkohol, spricht er mit, freilich immer in der Rolle des wohlinformierten, über den Dingen stehenden, "nüchternen" Beobachters.
Ist die Festlichkeit zeitlich begrenzt, muss er seine Euphorie zwar notgedrungen bremsen, kann dafür aber vom insgesamt positiven Eindruck, den er bei sich selbst und den anderen Mitarbeitern hinterlassen hat, einige Tage profitieren. Anders bei Open-end-Betriebsfesten: Ohne dass er es bemerkt, verwandelt sich seine Aufgeschlossenheit langsam in plumpes Anbiedern, werden seine Diskussionsbeiträge erst lauter und emotionaler, dann - begleitet von einer zunehmend fahrigeren Gestik - unverständlich und zusammenhangslos, sinkt die Hemmschwelle mit jedem weiteren Glas gegen Null. Inwieweit die Angelegenheit eskaliert, hängt von vielen Dingen ab, denkbare Varianten sind hinlänglich bekannt.
Finanzielle Probleme
Ab einem bestimmten Stadium übersteigen häufig die mit dem Alkoholmissbrauch verbundenen unmittelbaren und indirekten Kosten die finanziellen Möglichkeiten des Betroffenen. Dies gilt übrigens im Prinzip für alle Hierarchieebenen: Zwar verdient der Mitarbeiter aus dem Management ungleich mehr als sein Kollege an der Maschine, genauso verhält es sich aber auch mit der Qualität sprich dem Preis des "Stoffs" - abgesehen davon, dass dieser meist in exklusiverer Umgebung und anspruchsvollerer Gesellschaft genossen wird und man sich auf dieser Ebene nicht selten teurer Medikamente bedient, um die Folgen gelegentlicher Exzesse zu beseitigen.
Sind alle Rücklagen verbraucht und alle Kreditmöglichkeiten ausgeschöpft, wendet sich der Betroffene schließlich zwecks Gehaltsvorschuss an die Buchhaltung. Fast zwangsläufig wiederholt sich das Vorschussersuchen solange, bis der Auszahlungsbetrag am Monatsende bei Null angekommen ist und der Mitarbeiter einen Firmenkredit beantragt (allerspätestens zu diesem Zeitpunkt sollte die Buchhaltung den direkten Vorgesetzten informieren!).